Warum dokumentarische Familienfotografie selten dokumentarisch ist

June 09, 2022  •  Kommentar schreiben

 

GLAUB IHNEN NICHT

Fiese Worte, aber mal ehrlich, dokumentarisch, das würde bei den wenigsten funktionieren. Dokumentarisch würde bedeuten, ich treffe meine Familien, stehe schweigend da und schaue sie an...sie schauen mich an ... und ich würde irgendwann nur sagen, weil sie immer noch schauen: "Na, jetzt macht doch mal." Okay, wenn man es ganz genau nehmen würde, ist es schon da vorbei mit dem "dokumentarisch", denn ich habe ja schon mit Worten eingegriffen. Ich lese immer wieder bei Instagram oder Facebook, Worte wie "Wie ich diese natürlichen Momente liebe" und "Sooo ungestellt." und HAAAAAA, ich sage nix da.... gut bei Hochzeitsfotos ist es was anderes, da passiert vieles, aber da gibt es ja auch einen Plan: Make Up, Anziehen, Heiraten, Feiern etc..... da ist Bewegung und Emotion ja schon implementiert. Ich weiß, es gibt Riesenfans von dieser Idee, dass sich alles natürlich entwickelt, ich kenne auch ein paar Familien, da weiß ich, das ich nur die Kamera draufhalten müsste. Aber es gibt die Leute wie Dich und ja auch mich, also die meisten, Schwester, die das nicht können... Stell Dir vor, ich sage: Sei mal ganz natürlich und ich bin gar nicht da .... meinst Du da passieren Dinge wie Berührung, Küsse, Streicheln, während ich stumm dastehe und nur die Kamera draufhalte....und das Internet ist voll davon mit diesen Behauptungen, alles sei so passiert, so natürlich und ohne Ansage.... und die Fotografen, die beginnen sind verzweifelt, weil ihre Familien eben nicht natürlich zueinanderfinden und interagieren und jaaaaaaa, es gibt Fotografen, die den Tag einer Familie begleiten und dann auch genug Material haben, aber meist sind das ganz spezielle Fotografen, die dann das Doppelte kosten, zurecht, denn sie sind mehrere Stunden da. Aber ich will auch für die das sein, die sich das nicht vorstellen können, die gerne Bilder hätten, aber die Kamera scheuen. Das gibt es, ich bin selbst so ein Exemplar...sobald eine Kamera auf mich gerichtet ist, sitze ich gerade, ziehe den Bauch ein, bewege mich seltsam und mache einen Entenschnabel oder guck einfach wirklich nur bescheuert.

Ich finde man verschreckt viel mehr Leute, mit diesem Schnubbselduppseleasypeasygetue, weil alle sich unter Druck gesetzt fühlen, weil sie denken, sie müssten wie Elfen über die Wiese schweben. Weil sie nicht wissen, wie sie dahin kommen sollen, dass sie auf den Fotos "natürlich" aussehen, sich "natürlich" verhalten, während das große, schwarze Auge sie beobachtet.

Wenn ich manchmal so in diesem Alltagsstress gefangen bin, da bin ich aber sowas von weit weg von diesem Gefühl, dass man uns so festhalten möchte, wie wir gerade drauf sind und ich denke, ich bin nicht alleine damit. Wenn ich dagegen abends die schlafenden Gesichter studiere, dann bin ich im schönsten Film der Welt und vergesse oft die Tiefs des Tages. 

 

Dazu eine kleine Anekdote aus meiner Schauspielschulzeit... Jan sollte einen Dieb spielen, der in einem Buchladen was klauen will.... Jan geht also in diesen imaginären Buchladen und liefert voll die fette Improvisation ab (Ich persönlich hasse Impro), ich war tief beeindruckt von ihm...er schlich da rein, guckte fies, verbarg sich hinter einem Bücherstapel, beobachtete, drehte sich dauernd um, nahm das Buch und schlich tief gebückt und gekrümmt um sein Diebesgut zu verstecken, da raus...er hatte also eine minimale Anweisung erhalten und durfte sich eigentlich ziemlich frei bewegen in seiner Improvisation...so ein bisschen wie die: "Sei mal natürlich und nun mach mal!" Lüge der angeblich rein dokumentarischen Familienfotografie ...Okay und jetzt nehmen wir mal an Jan ist ein echter Bücherdieb, Du stehst gerade im Buchladen und da kommt so ein Typ rein ... würde sich denn ein echter Profidieb so verhalten? Ich meine, stell Dir das wirklich mal vor ... schließ die Augen und jetzt kommt dieser seltsame Vogel rein ... der wäre auf jeden Fall schon irgendwo, wo er nicht mehr rauskommt.

Und so ist es eben auch mit der Lifestylefotografie, ich lasse nicht zu, dass Ihr dieser Typ Dieb werdet, Ihr werdet Meisterdiebe. Ich stelle Euch hin, ich überlege Positionen, ich gebe Aufgaben, ich habe einen Plan, ich lasse niemanden einfach so loslaufen, es sei denn, ich sage "Lauf los." Und jaaaa, ich weiß es gibt viele die bekommen ein Augenzucken bei Thema "Posen", aber ganz ehrlich gutes Posen ist eine Kunst, eben wenn man Lifestylefotografie macht wo es am Ende natürlich und ungekünstelt aussehen soll.

Und klar wirken die Bilder echt, denn sie sind voll mit Euren Emotionen, Ihr seid ja auch vertraut miteinander, aber man muss, muss, muss eben die Menschen dafür "posen" können...Man muss wissen, was vorteilhaft aussieht, man muss wissen, wo das Licht am Besten ist, man muss wissen, welche Aufgaben man den Kids stellen kann....nennen wir es doch einfach "beschäftigen" statt "posen", es meint das Gleiche. Ich drehe Köpfe, setze Blick und Hände. Und nur, wenn ich feste Punkte in meinem Plan habe, kann ich jeder Familie wieder und wieder die gleiche Qualität und vielfältige Bilder liefern. Keine Familie sieht gleich aus, auch wenn die "Posen" sich wiederholen oder man von der gleichen Basis startet.

Und jeder kann solche Bilder von sich haben, das ist doch neben allem künstlerischen und technischen Können die Aufgabe des Fotografen mit Menschen umgehen zu können. Ich will hier niemanden überzeugen, der ein Riesenfan von Studiobildern ist, oder es mag, wenn man sich "hinstellt" oder nur in die Kamera sieht und in die Kamera lacht, dafür gibt es ja auch Fotografen, die das anbieten, was supercool ist, denn mittlerweile bin ich so weit, dass ich das tue, was ich als richtig empfinde und nicht das, was man meint, was allgemein bekannt oder gewünscht ist...ein paar solcher "traditioneller" Bilder mach ich auch zwischendurch und bei Babybauchshootings "posiere" ich Mama solo auch ein bisschen mehr und dirigiere Kopf, Beine und Füße... aber ich weiß von vielen, die Lifestyle mögen und spannend, eben weil sie nicht in die Kamera gucken müssen und den Entenschnabel machen, so wie ich, aber einfach befürchten, sie könnten das nicht. Also dieses ad hoc etwas tun, ohne das jemand etwas vorgibt.  Das ist aber Käsekuchen, ihr müsst nichts "können", nur vertrauen, dass Ihr genau so richtig seid, wie ihr seid. 

 

Habt einen tollen Tag, 

Eure Juliane

 


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