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Mein Kryptonit

  • Juliane Fieber
  • 20. Juni
  • 6 Min. Lesezeit


Warum sich weitermachen und verletzlich bleiben lohnt.


Supermans Planet ist explodiert und das Gestein Kryptonit schwächt ihn, sobald er damit in Berührung kommt, kann ihn zum Aufgeben zwingen und ihn sogar umbringen.


Schräg, dass etwas so vertrautes, ein Teil der Herkunft, ein Teil von sich selbst in der Lage ist, den Helden endgültig zu Fall zu bringen.


Aber die Fotografie ist irgendwie das gleiche für mich. Achtung, es wird blutig. :)

Es ist als ob meine Eingeweide tief damit verbunden sind und ich, egal, welchen Auftrag ich mache, mich auf links drehe und eine absolute Verletzlichkeit an den Tag lege, in der Hoffnung, dass alles gut geht, dass niemand etwas auszusetzen hat, denn das was ich tue, was ich zeige ist tief in mir verwurzelt. Und ich bin jedes Mal in großer Aufregung heil aus der Sache rauszukommen.


Du ahnst es schon, es ist mir einmal nicht gelungen.


Bevor ich aber dazu komme, es gibt eine kleine Armee, die mich umgibt, die mich schützt, die da ist, wenn ich nicht weiß, wie es weitergehen soll, warum manches so ungerecht wirkt, sie tun Dinge für mich, im Glauben an mich, die ich nicht tun kann.

So wie neulich als jemand mit innerem Grimm und großem Zuspruch für mich auf den Einwand: " Die Bilder wären doch zu teuer. ", folgendes sagte: Dann geh doch zu DM und mach da Fotos und drucke sie dir aus. Danke an euch alle. Ich seit einfach so gut zum künstlerischen Herz, zu mir, ihr glaubt an mich und viele Schritte gehe ich, weil ich euch an meiner Seite weiß, weil ich euch um Rat fragen kann, weil ihr manche Ungerechtigkeit blockiert und einfach da seid. Oder mir im richtigen Moment in den Hintern tretet.


Na das mit dem teuer ist ja eh immer so eine Sache. Vielleicht kennst du ja meine Arbeitsweise. Ich fotografiere in der Kita nicht mehr als eine Gruppe am Vormittag.

Und Kitas ist immer ein großer Durchschnitt des gesellschaftlichen Spektrums. Der eine liebt Bilder drinnen, die andere liebt Bilder draussen, einer kauft, der andere kauft nicht... es gibt auch Leute, die Harry Potter nicht mögen.. hab ich gehört oder Game of Thrones (Hallo????) . Also ist es nicht möglich jede Vorliebe zu treffen, das weiß ich. Aber was ich kann und was meine Superkraft ist, ich kann recht gut auf Bedürfnisse eingehen und sie erkennen. Das ist auch der Grund, warum ich nicht viele Kinder Vormittags abhandle, warum ich Fließband verabscheue. Einen wirklichen Zugang findet man nur über Zeit und über das Verstehen des Menschen, der einem gegenüber ist. Egal ob drei oder dreissig. Und das kostet Energie, das kostet Zeit und unter dem Gesichtspunkt sind meine Bilder eher wertvoll statt teuer. Und noch ein bisschen geschäftliches am Rande: Von jedem Umsatz bleiben um die 30 Prozent bei mir. Ich hab das vor meiner Selbstständigkeit auch nicht so richtig gewusst.


Kommen wir aber zurück zu den Tagen kurz vor Weihnachten 25, als ich hinwerfen wollte. Weil das Kryponit ungebremst in meine Inbox kam und direkt in mein Herz schoss. Eine Kritik, nein eigentlich keine Kritik, eigentlich nur eine wirklich gut geschriebene Ansammlung von Ohrfeigen über meine Arbeit und damit über mich, irgendwie.

Ich bin ja stets auf der Hut davor und was passiert dann, wenn man dieses abbekommt, wenn man damit rechnet... man denkt, ja, das ist richtig, ich bin vielleicht doch schlecht, ich sollte es lassen, ich hab ja damit gerechntet, dass sie kommt. Denn macht man sich verletzlich, dann wird man verletzt. So dachte ich.

Ich habe nicht, wie in einer größeren Firma jemanden, der meine Mails beantwortet, ich stehe für alles grade und bekomme ungefiltert alles ab auch diese eine, wirklich sehr unschöne mail.


Zur Vorgeschichte: Ich hatte auf schnelle Anfrage eine Kita angenommen kurz vor Weihnachten und habe dann schon ziemlich ausgelaugt, mir die Nächte um die Ohren gehauen, damit die Galerie drei Wochen vor Weihnachten online ist. Denn das Labor, das die Bestellungen produziert ist um diese Zeit super ausgelastet, so wie die Post auch und daher hatte ich die Bilder bereits ein Tag nach dem letzten Fototag online. Es ist also viel Zeit und Energie reingeflossen.


Da kam sie plötzlich diese Nachricht und ich kann alles intellektuell entkräften was dort geschrieben stand und vermutet wurde. Das verletzendste war und das hat meine Angst richtig geschürt, als Fotografin und in meinem Business zu scheitern war, dass diese Person schrieb, sie würde sich darum kümmern, dass alle anderen Eltern das auch so sehen, dass ich keine Fotografin bin, nicht bei mir kaufen und sich mit einreihen und mir gesammelt entgegen rufen: Egal womit du dich identifizierst, egal welche Werte du fotografisch hast, egal was für ein Mensch du bist, du hast es nicht drauf. Ein weiterer nicht so schöner Faktor war, dass eine Steuernachzahlung für zwei Jahre anstand und wenn jemand dir droht, deinen Umsatz zu schmälern, dein Geschäft zu torpedieren, du zwei Kinder hast um die du dich hauptamtlich kümmerst, weil dein Mann im Schichtdienst ist, dann geht einem der Arsch auf Grundeis. Entschuldigung, allerdings passt der Ausdruck hier wirklich ziemlich gut.


Und plötzlich wird etwas, was du liebst, was dir wichtig ist zu einem Angstfaktor ob es überhaupt genug ist. Es ist plötzlich nicht orientiert an innerem Wachstum, es ist nicht orientiert an Gewinn, es orientiert sich an Existenzangst. Und das gibt nicht viel Energie, nicht viel Freude.


Der Inhalt war an sich eine Ansammlung falscher Eindrücke und ich sage ihn so gern, diesen Satz, dass solche Nachrichten mehr über den Absender aussagen als über den Empfänger. Ich selbst hab ihn mir gesagt, ihn doch nicht geglaubt. Bemühe ihn aber gern bei anderen. Weil es ja stimmt, aber da hab ich auch mehr Abstand als zu meinen eigenen Emotionen. Aber ich war zu dem Zeitpunkt auch so mit meiner Energie am Ende, nach diesem Bearbeitungsmarathon, dass ich mich wirklich gefragt habe, ob es so ist, ob ich wirklich alles gegeben habe, weil doch so etwas nicht sein darf, dass ein Mensch, der auf seinem Profil damit wirbt für andere Menschen da zu sein und sie spirituell zu unterstützen so eine Nachricht schreibt, so eine lange mail, die rhetorisch so gebaut war, mich Zeile für Zeile und Wort für Wort in den Boden zu stampfen.


Eigentlich waren es nur Mutmaßungen darüber, wie ich gearbeitet habe, dass ich Politikerposen vorgemacht habe (Ich habe Ball gespielt), verletzende Dinge wie: dass mein Gruppenbild in den Schuhkarton in den Keller gehört, noch mehr Sachen, die ich nicht wiederholen möchte, weil ein Teil von mir immer noch flüstert "vielleicht stimmt es ja". Aber eben auch diese schlimme Sache andere zu beeinflussen, es gleichzutun und mich zu schmähen.


Ich bin ein verletzlicher Mensch, ich bin unsicher, aber genau durch diese Eigenschaften kann ich mich in andere hineinversetzen, kann einfach mehr ablichten, als es mit Fliessbandfotografie möglich wäre. Und das aufzugeben, mich hart zu machen wäre ein Unding.

Das Gruppenbild war wirklich nicht toll, aber es gibt immer auch Dynamiken vor manchen Aufnahmen auf die ich keinen Einfluss habe.

Es wird immer Menschen geben, die sagen, sie können es besser, es wird Menschen geben, die es besser machen, aber es wird keinen Menschen geben, der mich stoppen kann. Diese ganze Nachricht war ein einziges hör doch auf, mit dem was du tust. Da war keine Kritik, keine Idee, kein, vielleicht kannst du das anders machen, besser... .


Wie auch immer, ich bin in jeder Kita aufgeregt, wie ist der Raum, wie ist der Weg, wie ist das Gelände, wo ist die Sonne, was brauche ich .... und dazwischen einfach nur die Liebe dazu, die Möglichkeit zu haben mehr für Eltern festzuhalten, als man in der Lautstärke unserer Realität manchmal noch sehen kann. Es gelingt mir nicht immer, aber oft. Aber was mir gelungen ist, mich diese ganze Saison daran zu erfreuen in Kitas zu kommen, die mich wieder haben wollen, neue Kitas kennenzulernen, die mich wieder haben wollen, Kitas wiederzubekommen, die mal ausgesetzt haben. Ich bekomme so viele schöne Worte, Rückmeldungen, auch einfach mal so und es macht mich wahnsinnig, dass so eine einzige Nachricht, die mein Verstand niederringen kann, mein Herz aber durchlöchert hat, dass diese jeden Tag in meine Gedanken eindringt.


Ich beschäftige mich gern mit dem Gehirn und der Fokus auf Gefahr, der Fokus auf die schlechteren Dinge hat uns das Überleben gesichert. Und so soll diese Nachricht ein Mahnmal sein, dass das Kryptonit ungebeten erscheint, dich trifft und schwächt, aber du hast die Chance ihm vielleicht auch auszuweichen, wegzugehen, es zu betrachten und gewahr zu werden, dass es eigentlich nur winzige Krümelchen sind und du eine großartige Crowd hast, die sie einfach wegpustet.


Ich hoffe, wenn du diese Zeilen gelesen hast, dass du daran festhältst, woran du glaubst, denn der einzige Mensch, der dich davon abhalten kann bist du selbst.


Bleib stark,


Deine Juliane


PS: Besagte Kita war übrigens eine der umsatzstärksten im letzten Jahr.




 
 
 

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